Kolumne

Dienstag, 11. September 2007 | Kolumne

Noch ein Internet-Betriebssystem

(Link zum Artikel: http://www.it-republik.de/php/news/038008)

Martin Szugat
Martin Szugat

Es wurde schon oft angekündigt: ein Betriebssystem für das Internet, ein Web-OS. Was damit gemeint ist, weiß zwar niemand ganz genau, aber alle großen Software-Hersteller und Internet-Unternehmen arbeiten daran, zumindest gerüchteweise.

Wunsch ...
Google soll eines entwickeln und das schon seit Jahren, so alt sind zumindest die Gerüchte. Microsoft natürlich auch, doch die Gerüchte nimmt erstaunlicherweise niemand ernst – vielleicht traut man es dem Hersteller von Desktop-Anwendungen auch einfach nicht zu, ein Internet-Betriebssystem entwickeln zu können.

Dann gab es da noch verschiedene offizielle Ankündigungen: ein XML-basiertes Internet-Betriebssystem will beispielsweise die schwedische Xcerion AB entwickeln. Zumindest was Business-Anwendungen anbelangt, könnte man auch Salesforces AppExchange als Internet-Betriebssystem bezeichnen. Salesforce nennt es einfach Platform-as-a-Service und folgt damit dem Software-as-a-Service-Gedanken.

Je nach Zeitgeist und Blickwinkel des Analysten sind es die Suchmaschinen, die Portale oder die Webdienste, denen das Potential zugesprochen wird, sich von einer Anwendung zu einem Betriebssystem zu entwickeln.

... und Wirklichkeit
Geschafft hat es freilich noch keine Website. Doch jetzt soll ausgerechnet ein Social Network das Internet-Betriebssystem der Zukunft sein: Facebook. Die Argumentation ist einfach: Facebook verzeichnet ein massives Wachstum, seitdem sich das Netzwerk auch für externe Entwickler geöffnet hat. So konnte Facebook zuletzt täglich 150.000 neue Mitglieder hinzu gewinnen. Und schon jetzt sind es über 30 Millionen Nutzer. Wer seine Anwendung auf Facebook bereitstellt, erreicht damit zumindest theoretisch eine enorm große und vor allem attraktive Benutzergruppe. Denn im Unterschied zu MySpace & Co. sind bei Facebook auch die über 35-Jjährigen stark vertreten.

Natürlich sprechen auch abseits der vielleicht zu optimistischen Zukunftsprognosen handfeste Gründe für Social Networks als Anwendungsplattform: Sie verfügen bereits über ein Identitätsmanagementsystem, auf dem sich später ein Micropayment- und ein Digital-Rights-Management-System aufsetzen lassen – zwei grundlegende Voraussetzungen für eine digitale Wirtschaft. Single-Sign-On, sichere E-Mail-Kommunikation und Pay-Per-Use werden damit endlich Wirklichkeit. Und nicht zu vergessen: die Profile der Benutzer und deren soziale Netzwerke sind Gold wert. Damit lassen sich werbefinanzierte Anwendungen ideal umsetzen. Somit sind Social Networks vor allem eine Plattform für personalisierte Werbung und virales Marketing. Ob das dem Anwender gefallen wird?

Rückblick …
Keine Frage, Social Networks haben ein großes Potential als Anwendungsplattform für klar abgegrenzte Bereiche oder Branchen. Ein Internet-Betriebssystem sind sie aber noch lange nicht. Und ein solches wird es im Internet auch nicht geben. Unabhängigkeit, Vielfalt und Offenheit sind die Eckpfeiler des Internets. Compuserve, T-Online und AOL hatten seinerzeit ebenfalls den Anspruch, das Netz zu beherrschen. Sie sind heute verschwunden.

Nicht Software beherrscht das Internet. Standards wie HTTP und HTML tun es. Was fehlt, sind Standards für Social Networks: um Profildaten über mehrere Netzwerke zu verteilen, um Kontakte zwischen Netzwerken zu knüpfen und sich mit einer Identität bei sämtlichen Netzwerken anzumelden.

… und Ausblick
Geschlossene Dienste haben in einer vernetzten und globalisierten Welt auf Dauer keine Chance. Denn die Herausforderung im 21. Jahrhundert heißt Kommunikation, und die ist nur möglich, wenn die Kanäle offen sind. Der Marktdruck wird, wie einst die Online-Dienste, auch die Social Networks zwingen, sich zu öffnen, nicht nur für externe Anwendungen, sondern eben auch für den Wettbewerb.

Letztlich interessant ist, wer den Standard setzt. Und hier gilt meist: first comes, first serves. Wer hier als erstes punktet, gibt auf Jahre hinaus den Ton an. Facebook, aber auch andere Networks wie XING haben den ersten Schritt getan: zu einem Open Social Network. Und das ist interessanter und bedeutender als ein "Internet-Betriebssystem".

Martin Szugat


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Kommentare

Gravatar Richy 11.09.2007
um 14:12 Uhr
Ein weiter Ansatz eines Web-OS ist http://eyeos.org/, finde es sehr gelungen obwohl es in seinen Funktionen noch eingeschränkt ist.

Achja sehr schöner Artikel.
#zitieren
Gravatar Julian 11.09.2007
um 16:21 Uhr
Es gibt schon ziemlich viele WebOS, siehe http://en.wikipedia.org/wiki/Web_operating_system. EyeOs sieht für mich zusammen mit http://www.youos.com/ am besten aus. #zitieren

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