Das Open Source-Unternehmen JBoss, Inc. soll seine Partner mit gerichtlichen Abmahnungen wegen angeblicher Markenrechtsverletzungen unter Druck setzen. Kritiker befürchten, dass das Unternehmen, das hinter dem Open Source Application Server steht, über seine Rechte an der Wortmarke "JBoss" eine freie Verwendung der JBoss-Technologie in Zukunft verhindern werde. Ein ehemaliger JBoss-Partner aus Deutschland hat jetzt eine Abmahnung erhalten, mit der Aufforderung, weder Schulungen noch Dienstleistungen auf Basis von JBoss anzubieten.
JBoss-Markenrechte für Software und Services
Nach der Debatte um die Lizenzierung des JBoss-Quellcodes vor einigen Wochen (wir berichteten) bahnt sich nun neuer Unmut in der JBoss-Community an. Sowohl in den USA als auch in Europa hat sich JBoss, Inc. sämtliche Markenrechte an der Wortmarke "JBoss" sichern lassen, und zwar nicht nur in Bezug auf das Produkt JBoss, sondern vor allem im Hinblick auf technischen Support, Training und Dienstleistungen für den JBoss.
Dies versetzt JBoss, Inc. theoretisch in die Lage, sämtlichen Unternehmen ohne offiziellen JBoss-Partnerstatus, die Support, Schulungen oder Projektarbeit für die Open Source-Software JBoss anbieten, wegen Trademark-Verletzungen juristisch unter Druck zu setzen. Die Verwendung der Wortmarke "JBoss" ist nur registrierten JBoss-Partnern erlaubt, wobei eine Mitgliedschaft im JBoss-Partnernetzwerk mit nicht unerheblichen Kosten verbunden ist.
Auf diese juristische und geschäftliche Problemlage weist Rickard Öberg, der auch der Autor der JBoss-Lizenzkritik vor wenigen Wochen gewesen ist, in einem neu veröffentlichten Blog "The JBoss Issue" (http://thejbossissue.blogspot.com/) hin. Öberg war Co-Autor des JBoss EJB Containers und des JMX Kernels und ist seit drei Jahren nicht mehr an dem Projekt beteiligt.
In den USA ist die Marke JBoss übrigens auf das Unternehmen JBoss, Inc. eingetraten, in Europa dagegen ist Marc Fleury, der Chef und Gründer des Unternehmens, persönlich der alleinige Marken-Inhaber. Für Hibernate scheint es derzeit noch keinen Markenantrag zu geben.
Abmahnung gegen Ex-JBoss-Partner
Der Darmstädter Brockhaus GmbH, IT-Dienstleister und ehemaliger JBoss-Partner, flatterte nun vor rund zwei Wochen eine schriftliche Abmahnung ins Haus. Das Unternehmen wird darin aufgefordert, all seine Aktivitäten, die im markenrechtlichen Zusammenhang mit JBoss stehen, unter Verweis auf eine Strafandrohung von 25.000 Euro je Verstoß gegen die Bestimmungen zu unterlassen. Der Streitwert der Angelegenheit wird dabei von JBoss mit 300.000 Euro angegeben.
Die Darmstädter haben sich bereits vor drei Jahren u.a. auf den JBoss spezialisiert und treten seitdem als Schulungsanbieter und Dienstleister mit JBoss-Kompetenz auf. Neben diesen Aktivitäten ist das Softwarehaus auch im Bereich BEA Weblogic Server sowie SAP Netweaver aktiv und verfügt zu beiden Anbietern über partnerschaftliche Beziehungen. Das eigene Schulungsmaterial für EJB und Java EE-Themen ist allgemein formuliert und verfügt je über einen applikationsserverspezifischen Übungsteil – für JBoss, Netweaver und Weblogic.
JBoss forderte strikte Gefolgschaft
Während der CeBIT dieses Jahres ist es zu einer Unterhaltung zwischen dem Geschäftsführer von Brockhaus, Matthias Bohnen und dem JBoss-General Manager in Europa, Sacha Labourey, gekommen. Labourey verwies in diesem sowie in folgenden Gesprächen darauf hin, dass er ein allgemeines Schulungsmaterial, das sowohl für Netweaver, Weblogic und auch JBoss Anwendung finde, nicht akzeptieren könne.
Darüber hinaus berichtet Bohnen, dass Labourey in dem Gespräch eine Beschränkung der Brockhaus-Geschäfte mit JBoss auf den deutschen Markt wünsche. Brockhaus bietet seine Schulungen und Dienstleistungen neben Deutschland jedoch auch in Großbritanien an.
Weil Geschäftsführer Bohnen weder bereit war, sein nach eigenen Angaben erfolgreiches Schulungsprogramm noch seine Aktivitäten in Großbritannien zugunsten von JBoss aufzugeben, erreichte ihn bald darauf die Kündigung seiner Vertragspartnerschaft mit JBoss. Mit Wirkung zum 5. August war Brockhaus nun kein JBoss-Partner mehr, führte jedoch seine Dienstleistungen und Schulungen auf Basis der frei verfügbaren Open-Source-Technologie fort - ohne Partner-Logo.
Mit der Abmahnung, unterzeichnet von JBoss Europa, werden ihm nun 25.000 Euro Strafe angedroht, falls er der Aufforderung nicht nachkomme, sämtliche Angebote (Training, Consulting, Support) für den JBoss-Server einzustellen. Bohnen: "Dieses Geschäftsgebaren ist für mich intolerabel und wir werden der Aufforderung nicht Folge leisten".
Open Source und Markenrecht
Das Problem, sagt Rickard Öberg, bestehe nicht darin, dass es ein kostenpflichtiges Partnerprogramm bei JBoss gebe. Dieses sei legitim und sei dem Unternehmen JBoss ebenso zuzubilligen wie etwa Microsoft oder IBM. "Das wahre Problem resultiert aus der Tatsache, dass JBoss aus Tausenden von Zeilen Open-Source-Code besteht, geschrieben von Hunderten von Freiwilligen", sagte Öberg in einem Gespräch mit dem Java Magazin. Die neue Markenrechtspolitik von JBoss verstoße gegen die LGPL, unter welcher der JBoss-Code laufe, und sei daher illegal, so Öberg weiter. Alle diejenigen, die in irgendeiner Form zum Quellcode des JBoss beigetragen haben, besäßen de facto keinerlei Rechte an ihren Codes.
CVS-Repository abgeklemmt
Wie Konstantin Priblouda, XDcoclet-Co-Autor und gelegentlich Autor im Java Magazins, berichtet, dass das CVS Repository von JBoss (http://www.sourceforge.net/projects/jboss/) Ende vergangener Woche geschlossen worden sei (http://sourceforge.net/cvs/?group_id=22866). Es sei, so beteuert Priblouda, wenige Tage zuvor noch öffentlich zugänglich gewesen. Dies legt die Vermutung nahe, dass die Quellen geschlossen worden sind, um den Nachweis der Urheberschaft an Sourcecodes durch Dritte zu erschweren.




