Die mobile Welt ist derzeit von einer Dynamik geprägt, die Prognosen über zukünftige Entwicklungen so gut wie unmöglich macht. Selbst mit kurzfristigen Vorhersagen tun sich Experten durch die Bank weg schwer. Wer hätte noch vor einem halben Jahr an ein Ende des HP TouchPads und damit womöglich auch webOS gedacht? Wer hat die Übernahme von Motorola durch Google antizipiert oder an ein für Tablets optimiertes Windows 8 geglaubt? Eines machen diese Ereignisse deutlich: Das Geschäft mit der Hardware im Mobile-Bereich wird immer schwieriger.
Da stimmt es hoffnungsvoll, dass wenigstens eine Konstante im mobilen Sektor erhalten bleibt: Content und Apps, mit denen Entwickler und Anbieter das für die meisten Hardware-Kategorien so wichtige Ökosystem erst möglich machen und ihm Leben einhauchen. Genau diese Konstante lag auch im Fokus von Sebastian Meyen, CCO der S&S Media Group, der seine Eröffnungsrede zum Auftakt der MobileTech Conference 2011 auch für eine kurzweilige Einführung in die aktuelle mobile Landschaft nutzte.
Über 400 Teilnehmer strömten dieses Jahr zur dritten MobileTech Conference, die zum zweiten Mal in der Mainzer Rheingoldhalle gastierte. Wie bei den Vorgängerkonferenzen sollte die Veranstaltung der S&S Media Group nicht ausschließlich ein Treffpunkt für Techies, Nerds und Entwickler sein, standen doch auch Themen wie die erfolgreiche Umsetzung von mobilen Strategien, Case Studies von Unternehmen wie Lufthansa oder HRS, neue Marktchancen sowie vielversprechende Technologien wie Near Field Communication (NFC) oder Location-based Services (LBS) im Mittelpunkt.
Für Mobile-Interessierte und alle, die einfach nur ein wenig in die Materie reinschnuppern wollten, öffnete die MobileTech Conference 2011 auch diesmal wieder an einem Tag kostenlos ihre Pforten. Im Rahmen der MTC Open am 13. September konnten Besucher die Keynote des Eröffnungstages sowie drei unterhaltsame und spannende Sessions aus dem Hauptprogramm erleben.
Zwei Weltneuheiten für Web-Apps und Augmented Reality
Gleich zwei Weltpremieren gab es auf der MobileTechCon zu bestaunen: Ein Framework, mit dem sich ein auf HTML5 und CSS3 basierendes Magazin für das iPad erstellen lässt und eine App, die die Welt von Bayern-König Ludwig II. dank Augmented Reality wieder zum Leben erweckt.
Mit dem asidemag haben die Kommunikationsdesigner Johannes Ippen und Nico Engelhardt eindrucksvoll bewiesen, dass sich eine elektronische Gazette auch abseits von Apples App Store verwirklichen lässt. Die Entscheidung gegen den App Store begründeten die aufstrebenden Kreativköpfe in ihrer Keynote
simpel aber schlüssig: So könne man Apples teils nervenaufreibenden Approval-Prozess umgehen. Zwar ergebe dieser Sinn für das Vertreiben hochwertiger Apps, im Falle eines Medienproduktes bedeuten Apples Bestimmung aus Sicht der Entwickler jedoch eine Verletzung der Pressefreiheit. Auf technischer Seite haben Ippen und Engelhardt mit dem von ihnen entwickelten CSS-Framework Magazin Grid Webentwicklern eine innovative Möglichkeit zum kreativen Bauen eines digitalen Magazins für Apples Tablet eröffnet.
Das Magazin überzeugt durch interaktive Elemente wie Videos, Audio-Clips und Infografiken, die es im Look und Stil eines Hochglanz-Printmagazins, aber zugeschnitten auf das iPad präsentiert. Lediglich bei der Performance besteht noch Nachholbedarf im Vergleich zu nativen Lösungen, zudem gibt es keinen Zugang zu den Hardware-APIs.
Die zweite Weltneuheit huldigt dem Lieblingskönig der Bayern, Ludwig II. Anlässlich des 125. Todestags des „Märchenkönigs“ hat die Bayerische Staatsbibliothek unter Leitung von Dr. Klaus Ceynowa in Zusammenarbeit mit der Bokowsky & Laymann GmbH eine iPhone-App rund um das Leben und Wirken Ludwigs II. entwickelt. Neben klassischen positionsbezogenen Augmented-Reality-Elementen wurden hier erstmals auch auf 3D-Mustererkennung basierende Verfahren zur Visualisierung historischer, nicht mehr existierender Gebäude eingesetzt. Eine App, die eindrucksvoll beweist, welche interessanten Entwicklungen wir in Zukunft noch im Augmented Reality-Bereich erwarten dürfen.
Trends: Von NFC über Location-based Services zu Gamification
Zu den wichtigsten mobilen Trends, die hitzig auf der MobileTechCon diskutiert wurden, gehörten Near Field Communication und Location-based Services, die durch neue Ansätze wie Gamification ein ebenso unbekanntes und wie großes Wertschöpfungspotenzial erschließen. Durch die Kombination von permanentem Internetzugang und der Positionsbestimmung des Smartphones über GPS spielt die örtliche Lage des Nutzers eine zunehmend wichtige Rolle. Jederzeit online zu sein, verändert auch das Verhalten der Nutzer, wie Dietmar Klotz von Qype in seiner Keynote erläuterte. Statt längerer Bewertungen, beispielsweise von Restaurants, tendieren die Nutzer zu kurzen, knappen Aussagen, die sie aber sofort und je nach Situation sehr direkt treffen können. Zudem hat sich gezeigt, dass insbesondere mobile Nutzer viel aktiver beim Abgeben von Bewertungen sind.
Waren E-Commerce-Angebote einst dadurch charakterisiert, dass sie den Käufer aus dem Einzelhandel hin zu den Online-Angeboten von Amazon & Co. getrieben haben, verfügen Location-based Services heutzutage über das Potenzial, den Kunden wieder zurück in den Einzelhandel zu bringen. Denn der große Vorteil dieser ortsbezogenen Dienste ist die schnelle und gezielte Information über Angebote im direkten Umfeld. Auch spielerische Anwendungen wie Gamification könnten neue Kaufanreize schaffen. Aus E-Commerce wird damit „everywhere commerce“.
Dass man in diesem Zusammenhang Gamification, also die Belohnung des Nutzers durch virtuelle oder ganz konkrete Geschenke, nicht nur als kurzlebigen Hype begreifen darf, der gerne mal als zwielichtige Methode zur Beeinflussung von menschlichem Verhalten abgetan wird, führte Markus Breuer von der Otherland Group den Teilnehmern vor Augen. Vielmehr bietet die „Traumhochzeit“ von Gamification und Mobile eine effektive Methode, um durch intrinsische Motivation „die Leute nachhaltig bei der Stange zu halten“.
Das Thema Near Field Communication (NFC) gilt schon seit Längerem als einer der großen Trends in der mobilen Branche. An den nötigen Hardware- und Softwarelösungen mangelte es aber bisher. Mit der neuesten Firmware Symbian Belle aktiviert Nokia nun die bereits verbauten Chips in seinen Smartphones, wie dem Nokia C7 oder Nokia 700 und 701. Mobil bezahlen kann man damit noch nicht, die hierzu benötigten Standards und Endgeräte im Einzelhandel fehlen immer noch. Dafür lassen sich andere praktische Szenarien theoretisieren.
So wies Dr. Markus Gemeinder von DB Mobility Logistics in seiner Session neben dem Ticketing beispielsweise auch auf den komfortablen Datenaustausch zwischen Mobilgeräten, Zutrittskontrollen, Tourismus-Lösungen oder WLAN-Setup hin. Voraussetzungen für solche Anwendungen sind sogenannte RFID-Tags. Diese können mit dem Smartphone programmiert werden, um dann bei nahem Kontakt mit dem Gerät eine Funktion auszulösen. So kann ein Tag über die NFC-App von Nokia bestimmte Abfolgen von Befehlen auslösen – zum Beispiel einen Schlafmodus, der dafür sorgt, dass der Wecker aktiviert, das Gerät auf stumm geschaltet und die mobile Internetverbindung deaktiviert wird, um den Nutzer nicht durch nächtliche Mails unnötig aufzuwecken. Wir dürfen gespannt sein, welch spannende NFC-Anwendungen sich die Hersteller in nächster Zeit noch einfallen lassen.
Ein weiteres großes Thema der MobileTechCon war Usability. Wir alle haben selbst schon die Erfahrung gemacht, dass die kleinen Displays der mobilen Begleiter eine Herausforderung an Nutzerführung und Effektivität darstellen. Dass also noch einiges verbessert werden muss, zeigte Jan Mühlig von der relevantive AG in seiner Keynote über Mobile Usability. 30 bis 60 Prozent aller Funktionen in mobilen Applikationen werden von den Nutzern nicht richtig erkannt. Zudem fehlt Touch-Devices das visuelle Feedback, das der Nutzer von seiner bisherigen Hardware gewohnt war. Alleine das Fehlen einer Back-Taste führt oft zu großen Problem für die Nutzer. Ein weiteres Problem stellt die Verortung dar. „Wo bin ich gerade“ mag der User häufig beim Gebrauch einer Anwendung denken.
Designer sollten daher ihre Konzepte clever planen und schon früh auch in Papierform mit Nutzern testen, denn vorab zu verstehen, was der Anwender wirklich machen muss, ist die Grundlage guter Usability. Zur Not sollte auch bei anderen abgeschaut werden, so Mühlig. Denn völlig eigene und neuartige User-Konzepte setzen sich nur durch, wenn man zu den „Großen“ im Markt gehört. Als kleinerer Player hat man oft keine andere Möglichkeit etablierte und daher akzeptierte Bedienkonzepte zu übernehmen. Eine Aussage, die Apple aufhorchen lassen dürfte.
Workshops und Futter für Techies
Auch Liebhaber von Code kamen bei der MobileTech Conference auf ihre Kosten. Neben den drei technischen Tracks zu iOS, Android und Mobile Web wurden auch entsprechende Workshops zu diesen Themen angeboten. Zum ersten Mal bot die Konferenz auch einen Workshop für Freunde der Brombeere, die lernen wollten, wie man Super-Apps für BlackBerry entwickelt.
Android-Cracks wurden mit spannenden Sessions zu CouchDB, User Interfaces für Honeycomb, Renderscript, Nebenläufigkeit, der Evolution des Audio Stack oder Cloud to Device Messaging verwöhnt und erfuhren, wie aus dem „Bugdroid“ ein echter „Megatron“ werden konnte. iOS-Entwickler freuten sich über Einstiegsangebote wie Sessions über die Multitaskingverwaltung bei iOS 4 oder „Eye catchy“-Apps mit Quartz Core und manch einer dürfte erstaunt gewesen sein, dass der Gamecenter nicht nur für Spieleentwickler geeignet ist. Zum Abschluss der Konferenz fand Benjamin Reimold noch versöhnlich Worte, indem er zu mehr Zusammenhalt unter den Entwicklern aufrief, ungeachtet, welche Plattform sie favorisieren.
Alles wird anders – und doch alles beim Alten
Ohne Frage – die MobileTech hat erneut bewiesen, dass der Bereich Mobile weit mehr ist als nur Technik und doch grundlegend von Entwicklern und ihren Ideen abhängig ist, ohne die all die Devices nur nette Spielzeuge wären. Eine Tatsache, die sich wie ein roter Faden durch das komplette Konferenzprogramm zog. Man darf gespannt sein, wie sich der Markt bis zur nächsten Konferenz (26. bis 28. März im schönen München) entwickeln wird. Wir sind wieder mit dabei, und auch Sie sollten sich das auf keinen Fall entgehen lassen.
