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Montag, 11. Januar 2010 | News

Was Webentwickler richtig machen (und die Unternehmens-IT falsch...)

(Link zum Artikel: http://www.it-republik.de/jaxenter/news/053285)

Die Community von Webentwicklern, die wahrscheinlich nicht einmal wissen, wofür die Kürzel ADO oder UML oder JPA stehen, produzieren bessere Systeme zu geringeren Kosten bei einem kleineren Risiko als im Enterprise-Bereich.

Dies ist laut Tim Bray (Doing it Wrong) die wichtigste Erkenntnis, die er aus seiner fünfjährigen Arbeit bei Sun gewonnen hat. Und, so fügt Bray hinzu, dies sei schlicht inakzeptabel!

Wie lässt sich dieser Zustand ändern, angesichts der - trotz Wirtschaftsflaute - Millionen von in Großprojekten verschwendeten Ressourcen? Dazu stellt Bray zunächst einige Überlegungen zum Thema Internet-Kultur an.

Webkultur
In der heutigen Webkultur müsse man die Zeit zwischen einer Idee und deren Umsetzung in Tagen und nicht in Monaten messen. Kleine Teams produzierten hier iterativen Fortschritt in kürzesten Release-Zyklen: "No oceans are boiled, no monster requirements documents written. (Tim Bray)"

Und die Ergebnisse dieser agilen Webentwicklung: "Facebook. Google. Twitter. Ravelry. Basecamp. TripIt. GitHub" sind nun mal unbestreitbar auf den vordersten Plätzen der derzeit erfolgreichen IT-Lösungen zu finden.

Was macht nun aber den Erfolg aus?

Auf der technologischen Seite gehörten dynamische Sprachen, Webframeworks, TDD, REST, Open Source und NoSQL zum erfolgreichen Mix. Doch nicht nur Technologie sei wichtig, sondern auch wesentlich die zugrundeliegende Entwicklerkultur:

More important is the culture: iterative development, continuous refactoring, ubiquitous unit testing, starting small, gathering user experience before it seems reasonable. All of which, to be fair, I suppose had its roots in last decade’s Extreme and Agile movements. Tim Bray

Unternehmenskultur
Und wie sieht es im Enterprise-Bereich aus? Die Statistiken von fehlgeschlagenen Großprojekten gleiche hier einer "Litanei von Desastern":

For one thing, the litany of disasters in the private sector is just as big in the aggregate and the batting average isn’t much better; it’s just that businesses can sweep the ashes under the carpet. Tim Bray

Was tun?
Wie kann diese klaffende Lücke zwischen Webkultur und Enterprise-Kultur geschlossen werden?

Tim Brays Plan A besteht darin, einfach selbst keine Großsysteme zu bauen. Das können im Zweifelsfall Experten besser - oder eben die Cloud:

Everything would be better if we could do IT the way we do electricity; hook up to the grid, let the IT utility run it all, and get billed per unit of usage. This is where all the people now running around shouting "Cloud! Cloud! Cloud!" are trying to go. Tim Bray

Doch die Cloud könne nicht alle Probleme lösen, und manchmal sei es notwendig und sinnvoll, eigene System zu entwickeln, die entscheidende Wettbewerbsvorteile bringen. Mit der bisherigen Enterprise-Kultur der Formalisierung und Über-Spezifizierung könnten indes Lösungen wie Twitter oder Basecamp schlicht nicht entstehen.

The point is that that kind of thing simply cannot be built if you start with large formal specifications and fixed-price contracts and change-control procedures and so on. Tim Bray

Wolle man im Enterprise-Bereich die selben Ergebnisse produzieren wie im Web-2.0-Umfeld, dann, so Brays Fazit, müsse man auch einen entsprechenden Technologie- und Kultur-Wechsel vollziehen.

It’s not going to be easy; Enterprise IT has spent decades growing a defensive culture based on the premise that you only get noticed when you screw up, so that must be avoided at all costs.Tim Bray

Gründe für den Produktivitätsstau
In den ausführlichen Kommentaren zu Brays Blogposting geht u.a. Stefan Tilkov den Gründen nach, warum Enterprise Software oft so viel komplexer daherkommt als Weblösungen. Ein Grund sei eine übertrieben komplizierte Gesetzgebung in vielen Ländern:

One of the reasons is the absurd complexity of laws in some countries, and the rate in which more and more complexity is added to them. If you're in a regulated business, this tends to create a huge amount of complexity you simply can't escape from. Stefan Tilkov

Ein anderer Grund sei die Trennung zwischen Business- und Technologie-Seite in großen Unternehmen, die in kleineren Teams so meist nicht gegeben ist:

Another source of complexity is the business side, coming up with more and more complex product requirements. In many Web companies, there's no difference between the business and technology decision makers – perfect "business/IT alignment". This simply isn't true in most large businesses. As a tech person, you have a choice of quitting or adapting to it … Stefan Tilkov

In Stefan Tilkovs Blog finden sich weitere interessante Anmerkungen zum Thema.

Wie können Unternehmen Ihrer Meinung nach ähnlich produktiv werden wie kleine agile Web-Startups?

(hs)

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Kommentare

Gravatar Daniel 11.01.2010
um 14:54 Uhr
Hallo,

ich glaube, dass der Ansatz oft unterschiedlich ist. Während StartUps auf der grünen Wiese loslegen können, ist es bei Enterprise-Projekten sicherlich selten der Fall, dass man bei null anfängt.

Ansonsten müsste man ja nur die Unterschiede vergleichen:
Agile Entwicklung vs. Schwergewichtige Prozesse
Einfache vs. komplexe Systemarchitektur
Flache vs. große Hierarchien

Aber ich glaube, dass ist auch etwas zu kurz gedacht und müsste von Fall zu Fall betrachtet werden.

Daniel
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Gravatar Dominik M. 11.01.2010
um 16:20 Uhr
Ich denke die Basis der Projekte einfach eine völlig andere ist. Facebook war ein Studienprojekt und Twitter eine ursprünglich firmeninterne Software, sodass bei beiden Projekten sicherlich eher das "Doing" im Vordergrund stand ohne komplexe Unternehmenshierarchien unterworfen zu sein und über Budgets nach denken zu müssen. Über Google lässt sich bekanntlich streiten, aber ich behaupte mal Google steht finanziell an einem Punkt an dem ein gescheitertes Projekt sie nicht runieren wird.

Ich denke also der Artikel vergleich Äpfel mit Birnen, wenngleich die "böse" Enterprise-Kultur sicherlich in einigen Punkten von "agilen" (um auch mal ein Buzzword ein zu streuen) Entwicklungszyklen lernen kann, ist der Ausgangspunkt für ein kleines Start-Up Team und die Entwicklung in großen Unternehmen, einfach eine völlig andere.
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Gravatar juhu 12.01.2010
um 14:12 Uhr
Enterprise hin oder her. Ich denke man muss die eigenen Mitarbeiter besser motivieren. Wenn sie wie bei Google 20 Prozent der Arbeitszeit für eigene Projekte verwenden dürfen, die für die Firma sinnvoll sind, ist das ein enormer Anreiz.
Google Mail und Google Maps sind auch so entstanden.
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Gravatar HAL 9000 12.01.2010
um 15:30 Uhr
Das Problem bei größeren Unternehmen (sagen wir mal so ab 1000 Mitarbeiter) ist an vielen Stellen folgendes:
Jedes Jahr wird eine Steigerung der Produktivität angestrebt, meistens durch Einsparungen und Optimierungen, manchmal auch durch Entlassungen.
Auch die Informatik muss dabei jede Ausgabe genauestens verrechnen, da bleibt (leider) kein Platz für 20 Prozent eigene Ideen. Und oft lassen sich die Entscheider und Budgetverteiler, die selten Informatik-Background haben, gerne von großen Firmen beraten. Die haben meistens nämlich fertige (nun ja, fast fertige) Software im Angebot, die nur noch ein wenig angepasst werden muss.

In einem Unternehmen mit Schwerpunkt Anwendungsentwicklung (wie Google als Beispiel) mag das mit eigeber Kreativität und gehen, aber sonstige Betriebe sehen kreative Entwickler und Softwarearchitekten eher als niedlich bis bedrohlich an.
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