Fangen wir nochmal von vorne an. Alles begann mit dem Big Bang am 20. April 2009. Seit der News am 20. April 2009 "Oracle kauft Sun" fragte sich die ganze IT-Welt: Was passiert nun? Was wird aus Produkten wie NetBeans? Wird die Java-Lizensierung zum Problem? Dass das US Department of Justice Ende Juni den Zeitrahmen für die Untersuchung des Deals verlängerte (wegen "issues of competitive concern"), trug ebenfalls nicht zu einer Beruhigung der Lage bei. Und dann schaltete sich Anfang Juli auch noch die Europäische Kommission in die Angelegenheit ein. Am 3. September folgte der nächste Big Bang: Die Kommission habe weiterhin "erhebliche Bedenken hinsichtlich der Vereinbarkeit der geplanten Übernahme mit dem Gemeinsamen Markt."
Jetzt haben wir den 15. September 2009 und die Frage "Was passiert nun?" kann immer noch nicht beantwortet werden. Die US-Behörden haben inzwischen zwar grünes Licht gegeben, doch hakt es immer noch an der Kommission.
Jetzt dürfte sich bis zum 19. Januar 2010 erstmal nichts mehr tun. Denn solange wird sich die Europäische Kommission mit der Entscheidung Zeit lassen. Da interessiert auch nicht Oracles positive Nachricht an die Sun-Kunden. (Abb. 1) Offensichtlich hat die Kommission besonders Probleme mit Oracles drohender Kontrolle über MySQL.
Zwei Fragen ergeben sich nun aus dem Stand der Dinge: Was ist das Problem mit MySQL und wie könnte sich die Auszeit bis Januar auf Oracles Kaufentscheidung auswirken? Genau diese Fragen stellte cnet.com auch den Gartner-Analysten Donald Feinberg und George Weiss. Beide Experten sind sich einig, dass MySQL nicht das Problem sein kann und erheben schwere Vorwürfe gegen die Europäische Kommission. Der Fokus auf MySQL zeige, dass die Kommission den Sinn von Open-Source-Software nicht verstanden habe, so Feinberg. Denn MySQL sei Open-Source und es interessiere keinen, ob Oracle sich nach der Übernahme nicht mehr darum kümmert. Dafür sei es Open-Source, weil nicht nur Oracle den Quellcode besitzt.
Ob man die Angelegenheit so schwarz-weiß sehen kann, sei dahingestellt. Die Frage ist nicht, ob eine Software quelloffen ist, sondern wer sie weiterentwickelt. Und wenn MySQL-Masterminds wie Michael Widenius von Dannen ziehen und sich Entwickler an MySQL zu schaffen machen, die der Aufgabe nicht gewachsen sind - dann sieht es für die MySQL-Kunden nicht mehr rosig aus. Selbst Michael Widenius weiß trotz seiner wertvollen Kontakte nicht, was Oracle mit MySQL vor hat. Trotz seines Weggangs unterstützt er die Community, nicht nur mit der von ihm mitbegründeten Open Database Alliance. Vor kurzem erst rief er Oracle auf:
I strongly encourage Oracle to start talking publicly about their intentions regarding MySQL. If your plan is to continue developing MySQL as a true open source project and take it to new heights, I think it's critical to inform us, the MySQL community, about it ASAP. The more positive information we get, the more supportive we, the MySQL developers and users, can be about the deal. (Michael Widenius)
Und zum Thema "MySQL ohne solide Entwicklerbasis" sagte er kurz nach der Akquise im April im Blog:
The biggest threat to MySQL future is not Oracle per se, but that the MySQL talent at Sun will spread like the wind and go to a lot of different companies which will set the MySQL development and support back years. I would not like to see this happen and I am doing everything I can do to keep this talent pool together (after all, most of them are long time personal friends of mine). I am prepared to hire or find a good home (either at Monty Program Ab or close to it) for all core MySQL personnel. (Michael Widenius)
Es steht um MySQL also vielleicht doch etwas ernster als die Gartner-Analysten behaupten. Ganz zu schweigen von dem ganzen Rattenschwanz, der MySQL anhängt, wie beispielsweise Drupal, Typo3 etc. Wenn nicht bei MySQL, wo sehen Feinberg und Weiss dann das Problem?
They're looking for ways to stop this deal because of other European companies who are putting pressure on the EC. It's a political agenda. And although it's pretty strong, for a lack of better term it is the re-emergence of protectionism by a governing body of some organization. The EU is looking for how it can protect the companies in Europe. (Donald Feinberg)
Der gute alte Protektionismus sei also der wahre Grund für die Entscheidung der Europäischen Kommission. Könnte Feinberg recht haben? Natürlich! Ist es angemessen, Protektionismus als Vorwurf zu formulieren? Ansichtssache!
Aber ungeachtet der Frage, was Oracle vor hat und was die Europäische Kommission "im Schilde führt", ist eins klar: Die Unsicherheit in der Community und bei den Kunden und Suns momentane Schwäche machen es Wettbewerbern leicht, auf Kundenfang in den Sun-Reihen zu gehen. Die Frage ist: Wird es sich für Oracle bis zum 19. Januar noch lohnen, Sun zu kaufen? Dazu nochmal Feinberg:
I don't think we'll see a solution to this until January or February. The only exception being if Oracle backs out, which they would probably do sooner rather than later. (Donald Feinberg)




