Interview

Freitag, 10. April 2009 | Interview

"Oft erleben wir, dass die Tekkies mit dem Businesskram nichts anfangen wollen"

(Link zum Artikel: http://www.it-republik.de/jaxenter/news/048279)

Bernd Rücker

Im Rahmen des JAX-Countdowns sprachen wir mit Bernd Rücker, Geschäftsführer von camunda services, der auf der SOACON 09 Moderator und Track Chair des BPM & SOA Days ist.

JAXenter: BPM wird momentan als Faktor zur Kostenoptimierung gehandelt – wie siehst du das?

Bernd Rücker: Das ist immer eine schwierige Frage. Man sollte sich auf jeden Fall bewusst sein, dass BPM-Projekte erst mal Geld kosten und oft nicht sofort einen ROI erzielen. Dabei wird auch gerne der Fehler gemacht, zu "strategisch" – ich meine, zu groß angelegt – an die Sache ranzugehen, anstatt pragmatisch zu starten, um schnell kleine Fortschritte zu erzielen. Auch denke ich, das Argument der Kostenoptimierung greift zu kurz. Hat man seine Prozesse nicht im Griff, so kann das schnell existenzbedrohend werden, gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Dabei dreht es sich dann aber vor allem um Flexibilität, Agilität, Qualität und Kundenzufriedenheit, die man erreicht und bewahrt, indem man seine Prozesse kennt und aktiv gestalten kann. Hört sich jetzt fast schon abgedroschen an, ist aber so.

BPM zur wirklichen Kostenoptimierung eignet sich aus meiner Sicht dann auch nicht in allen Branchen. Wird viel mit Informationen und wiederkehrenden Prozessen gearbeitet (zum Beispiel Versicherungen oder Telekommunikationsanbieter), so können wirklich deutliche Kostenersparnisse realisiert werden, vor allem durch Automatisierung. Andere Branchen haben da einfach weniger "Glück".

Wir selbst bieten dem Mittelstand inzwischen auch die Lösung des Process Hostings an. Richtig genutzt, können hiermit auch Kosten optimiert werden, vor allem, weil es ermöglicht, klein zu starten und mit einfachen Mitteln einzelne Prozesse, die "drücken", umzusetzen – inklusive Automatisierung.

JAXenter: BPM hat – gerade im SOA-Umfeld – eine Business- und eine Technologieseite. Was muss nach deiner Erfahrung als Berater bei der Vermittlung dieser beiden in Unternehmen beachtet werden?

Bernd Rücker: Dies ist, denke ich, genau die Herausforderung, die wir heute zu meistern haben. Das allerwichtigste aus meiner Sicht ist zu wissen, dass es diese beiden Seiten gibt. Und es auch zu akzeptieren! Oft erleben wir, dass die "Tekkies" mit dem "Businesskram" nichts anfangen wollen und die Organisatoren dagegen die IT als notwendiges Übel betrachtet, die eben das tun muss, was sie vorgeben. So kann es leider nicht funktionieren. Wir, und nicht nur wir, denken, dass sich neue Rollen herausbilden werden, wir nennen sie zur Zeit Process Analyst und Process Engineer. Dabei ist der eine weiterhin fachlich geprägt und der andere auch weiterhin Informatiker (auch sehr wichtig: Die IT kann auch mit BPM nicht abgeschafft werden), aber sie kennen das Gesamtbild und können daher einfach gut miteinander reden. Bei camunda leben wir diese Rollen ja quasi auch vor, durch mich als technisch geprägten Menschen und meinen Kollegen Jakob Freund, der die fachlich-organisatorische Seite übernimmt.

Als Berater ist es dann einfach wichtig, mit den entsprechenden Leuten im Unternehmen unterschiedlich reden zu können, jeweils in ihrer Sprache.

JAXenter: Wie wichtig sind Sprachkenntnisse in BPMN und/oder BPEL bei der Einführung von BPM?

Bernd Rücker: Da streiten sich die Geister. Eigentlich nicht sonderlich wichtig, denn wie immer sind die Konzepte viel wichtiger. BPMN jedoch ist ein spannender Standard, und wenn man sich damit richtig beschäftigt, kann man viel lernen, was einem fürs erfolgreiche BPM-Projekt hilft. Aber das könnte man natürlich auch mit EPK o. ä. – nur bitte: Wenn man heute startet, sollte man auf jeden Fall auf BPMN setzen, es ist DER gesetzte Industriestandard. BPEL hingegen halte ich zu Beginn erst mal nicht für wichtig, vielleicht manchmal sogar hinderlich. Will man aber Prozessautomatisierung mit BPEL betreiben, okay, dann braucht man natürlich auch Expertise in diesem Gebiet. Aber ich bin sowieso gespannt, was die Zukunft in der Richtung Automatisierung bringt (ich sage nur BPMN 2.0 und Executable BPMN).

Viele BPM-Projekte kommen übrigens nie in der Automatisierung an und stiften trotzdem Nutzen, und das oft ohne BPMN und BPEL. Ich versuche den Leuten immer zu erklären, dass man nie blind einem Produkt oder Standard hinterlaufen sollte, aber das ist sicherlich nicht erst mit BPM so.

JAXenter: Ist BPMN eigentlich schwer zu lernen?

Bernd Rücker: Ja und nein – es erscheint gerne am Anfang ziemlich einfach und intuitiv. Und in der Tat, die Standardkonstrukte sind auch nicht schwierig. Allerdings gibt es einige Standardfehler, die man sehr häufig sieht. Zur sinnvollen Anwendung der BPMN gehört dann eben auch schnell mehr: Konventionen, Best Practices und Erfahrung. Und das ist der schwierige Teil. Und da die BPMN recht jung ist, müssen auch wir als Berater hier gerade noch viel lernen. Also am besten ein Training buchen oder unser Praxishandbuch BPMN kaufen, sobald wir es fertig haben. Aber es lohnt sich, da dran zu bleiben.

(hs)

andere Artikel dieser Serie


Anzeige

Kommentare

Gravatar Christoph F. Strnadl 17.04.2009
um 08:17 Uhr
Was die beiden notwendigen Rollen ("Process Analyst" und "Process Engineer") anbelangt, kann ich die Aussagen auch aus Sicht eines "großen" BPMS Anbieters (Software AG) nur bestätigen: Wir haben das systematisch untersucht für unsere eigene BPMS Implementierungsmethodik (im Interesse unser eigener Projekte ;-) und sind auf dieselben beiden Rollen gekommen, nur mit anderen Namen ("Prozessverantwortlicher" und "Workflow Architekt", letzterer immer aus der IT). Die Güte der Zusammenarbeit dieser beiden Rollen bestimmt den Projekterfolg. Da nicht alle Projekte gleich viel Anteil an "Process Analyst" und "Process Engineer" brauchen, sprechen wir hier von einem DYNAMISCHEN SYSTEM. Im Zweifelsfall muss allerdings die IT den "Graben" überwinden! #zitieren

Folgende Links könnten Sie auch interessieren

zurück zum Seitenanfang