Sven Haiges, Autor des Java Magazins, hat mit Ajit Jaokar ein Interview geführt. Ajit Jaokar gilt als der Vorkämpfer für ein besseres Verständnis von Mobile Web 2.0 und ist ein Befürworter für den erheblichen Einfluss von Web 2.0 auf die mobile Datenindustrie.
JM: Ajit, du bist ein Mitglied der Web 2.0-Arbeitsgruppe, einer einflussreichen Gruppe von Leuten, die über Web 2.0 im Allgemeinen bloggen. Wie hast du diese Gruppe von Leuten kennen gelernt und was sind deine Hauptziele innerhalb dieser Gruppe?
Ajit Jaokar: Die Gruppe hat mich wegen einiger Blog Postings über Web 2.0 eingeladen (www.opengardensblog.futuretext.com). Innerhalb dieser Gruppe trage ich den "Mobile"-Hut. Es ist eine fantastische Gruppe, und in ihr sind solche Vordenker wie Dave Winer (Gründer von RSS) zu finden.
JM: Was ist das Spezifische an Mobile Web 2.0 und was hat es mit dem allgemeinen Web 2.0 gemeinsam?
Jaokar: Um diese Frage richtig verstehen zu können, müssen wir erst einmal die Konzepte hinter Web 2.0 verstehen. Es ist ein "softes Konzept" - es ist kein Standard, keine Formel, keine Definition, was viel einfacher zu erklären wäre! Für mich erklärt es sich am besten durch die kollektive Anwendung der sieben Prinzipien, die Tim O'Reilly aufgestellt hat. Ich habe eine alternative Definition für Web 2.0 vorgeschlagen, die vom O'Reilly-Radar gefeatured wurde. Im Kern basiert es auf dem Prinzip, dass es bei Web 2.0 darum geht, "kollektive Intelligenz nutzbar zu machen", das zweite Prinzip also, und die anderen Prinzipien, die dieses zweite Prinzip wiederum füttern.
JM: Was für eine Art von Intelligenz kann man dem Web denn zuschreiben? Inwiefern unterscheidet es sich von Web 1.0?
Jaokar: Web 1.0 wurde von den Händlern, Werbefachleuten und anderen, die uns büchsenweise Inhalt in den Hals stopfen wollten, übernommen! Wenn man alles wegnimmt, was nach der dot.com-Seifenblase kam, bleibt das Web so übrig, wie es ursprünglich mal gedacht war: als globales Kommunikationsmedium. Also entsteht die Intelligenz, die dem Web (2.0) zugeschrieben wird, durch uns, weil wir anfangen zu kommunizieren. Wenn wir also vom "intelligenten Web" sprechen oder der "Nutzbarmachung kollektiver Intelligenz", reden wir im Grunde über das altbekannte Prinzip der Weisheit der Masse.
Schauen wir uns doch die sieben Prinzipien noch einmal an.
- Das Web als Plattform: Das Web ist der einzige echte Link, der uns alle miteinander verbindet, egal wer wir sind oder wo auf der Welt wir uns befinden. Um kollektive Intelligenz nutzbar zu machen und ein intelligentes Web zu schaffen, müssen wir folglich so viele Menschen wie möglich mit einbeziehen. Der einzige Weg, dies möglich zu machen, besteht darin, das Web als Plattform zu betrachten und offene Standards zu nutzen. Man kann kollektive Intelligenz nicht nutzbar machen, wenn man ESA/390 als Mainframe benutzt - egal wie mächtig es ist!
- Die Nutzbarmachung kollektiver Intelligenz: Das wird jetzt das Hauptprinzip bzw. das erste Prinzip.
- Die Daten sind das "Next Intel Inside": Per definitionem müssen wir, wenn man kollektive Intelligenz nutzbar machen will, die Kapazitäten haben, um Unmengen von Daten zu produzieren. Also sind die Daten die "Intelligenz" (Intel).
- Das Ende des Software-Release-Kreises: Das gehört zu "Software als Dienstleistung". "Software" als Produkt kann aufgrund der vielen Änderungen nie ganz up to date sein. Natürlich beschäftigen wir uns im Sinne von Web 2.0 sowohl mit Code als auch mit Daten – auf diese Weise sorgt das Dienstleistungskonzept dafür, dass die Daten relevant bleiben, und zwar dadurch, dass man auf so viele Quellen wie möglich zugreift.
- Leichtgewichtige Programmiermodelle: Die schwergewichtigen Programmiermodelle haben nur wenigen etwas geboten. Wenn man leichtgewichtige Programmiermodelle benutzt, kann man im Gegensatz dazu sehr viel mehr Menschen erreichen (also auch Informationsquellen, um Daten zu sammeln und ein intelligenteres Web möglich zu machen). Ein Beispiel: Von den sieben Prinzipien werden die Web Services von Amazon.com auf zwei Arten zur Verfügung gestellt: eine hält sich an die Regeln des SOAP (Simple Object Access Protocol) Web Services Stack, die andere stellt einfach XML-Daten über HTTP zur Verfügung, und zwar in einem leichtgewichtigen Ansatz, der manchmal als REST (Representational State Transfer) bezeichnet wird. Während hochwertige B2B-Verbindungen (wie die zwischen Amazon und den Retail-Partnern wie ToysRUs) den SOAP Stack benutzen, berichtet Amazon, dass 95 Prozent der Nutzung über den leichtgewichtigen REST-Service läuft.
- Software oberhalb des Levels eines einzigen Geräts: Mehr Geräte, um die Informationen zu erlangen, und ein besserer Fluss zwischen diesen Geräten führen zu einem höheren Grad an kollektiver Intelligenz.
- Reichhaltige User-Erfahrung: ist nötig, um bessere Webapplikationen möglich zu machen, die zu einer größeren Nutzung des Webs und zu einem besseren Informationsfluss innerhalb des Web führen - was wiederum auch in einem "intelligenteren" Web resultiert.
Um noch einmal zu rekapitulieren, sind hier die Web 2.0 FAQs:
- Was ist Web 2.0? Es ist das intelligente Web.
- Was macht es so intelligent? Wir tun das.
- Auf welche Weise passiert das? Indem wir kollektive Intelligenz nutzbar machen.
- Was braucht man, um kollektive Intelligenz nutzbar zu machen? Die anderen sechs Prinzipien!
Nachdem wir das begriffen haben, wollen wir nun schauen, was Mobile Web 2.0 ist. Wenn wir Web 2.0 als die "Nutzbarmachung kollektiver Intelligenz" verstehen, dann wird aus dem mobilen Web 2.0 die "Nutzbarmachung kollektiver Intelligenz", die dafür die "Nutzbarmachung kollektiver Intelligenz, die wiederum 'Restricted Devices' nutzt" in Anspruch nimmt. Die scheinbar so einfache Idee, Web 2.0 auf das mobile Web 2.0 auszudehnen, hat viele Facetten. Zum Beispiel:
- Was ist ein Restricted Device?
- Was sind die Implikationen, wenn man das Web auf Restricted Devices ausdehnt?
- Wenn Geräte nicht mehr länger nur Verbraucher, sondern auch Produzenten von Informationen werden, welche Art von Intelligenz kann man aus diesen Geräten gewinnen bzw. nutzbar machen?
- Welche Konsequenzen hat es für die Services, wenn die Geräte anfangen, das Web als massives Informations-Repository zu nutzen und den PC als lokalen Cache, um die Services zu konfigurieren?
Lösen wir diese Definition in ihre einzelnen Bestandteile auf.
Restricted Devices: Eine allgemeine Definition eines Restricted Device ist nicht einfach. Das einzige, was sie alle gemeinsam haben, ist, dass sie "batteriebetrieben" sind. Andererseits: Haben Uhren Batterien? Man kann zu einer besseren Definition von Restricted Devices gelangen, wenn man Barbara Ballards Carry Principle mit einbezieht. Danach kann ein Restricted Device betrachtet werden als
- etwas, das vom Nutzer getragen wird,
- batteriebetrieben ist,
- klein ist (per definitionem),
- möglicherweise multifunktional ist, aber einen Hauptfokus hat,
- ein Gerät mit eingeschränktem Input-Mechanismus (kleines Keyboard),
- persönlichem und personalisiertem BUT,
- nicht tragbar (das schließt die Uhr aus!).
Aber es gibt da einen Haken: In der Zukunft könnten mobile Geräte tragbar sein und ihre Kapazitäten könnten bei weitem das übertreffen, was wir uns heute vorstellen können. In der Zukunft wird der Input-Mechanismus eines solchen Gerätes nicht mehr eine Tastatur sein, sondern eine Bewegung oder ein Ton. Also unterliegt diese Definition dem Wandel und der Weiterentwicklung.
Schließlich gibt es noch einen Unterschied zwischen einem "getragenem" Gerät und einem mobilen Gerät. Zum Beispiel: In einem Auto ist ein GPS-Navigator ein "mobiles" Gerät, und in einem Flugzeug, auf der In-Flight-Unterhaltungsscreen ist es ebenfalls "mobil". In beiden Fällen werden aber die Geräte nicht "von einer Person getragen" und haben auch nicht dieselben Power/Screen-Einschränkungen wie Geräte, die von Personen getragen werden.
Aber, wie man das auch immer anschaut, es ist ganz klar, dass ein Mobiltelefon ein Restricted Device ist. Von jetzt an werden wir die Definition von mobilen Geräten so verwenden, dass sie mit der Definition von Restricted Devices austauschbar ist, und die Bedeutung wird im Kontext klarer.
Die Ausdehnung des Web auf Restricted Devices: Es ist vielleicht offensichtlich, aber bei Web 2.0 dreht sich alles um das Web, weil Web 2.0 ohne das Web gar nicht möglich gewesen wäre. Bei Web 2.0 geht es folglich einer einfachen Definition zufolge darum, "kollektive Intelligenz durch das Web nutzbar zu machen". Wenn wir diese Definition jetzt auf das Mobile Web 2.0 ausdehnen, bekommen wir zwei Implikationen:
- Das Web erstreckt sich nicht notwendigerweise auf mobile Geräte
- Auch wenn sich das Web nicht auf mobile Geräte erstreckt, kann man dennoch Intelligenz aus den mobilen Geräten gewinnen.
Die sieben Prinzipien von Web 2.0 sprechen ganz genau davon, wenn sie das Beispiel der iPods und iTunes diskutieren. Der iPod nutzt das Web als Backend und den PC als lokalen Cache. In diesem Sinne wird der Service "durch das Web betrieben und durch den PC konfiguriert". Es handelt sich aber dennoch strenggenommen nicht um eine Web-Anwendung, weil sie nicht End to End von Webprotokollen betrieben wird (iPod-Protokolle sind Eigentum von Apple).
Die Charakteristika (die entscheidenden Prinzipien) von Web 2.0 sind also:
- Die Nutzbarmachung kollektiver Intelligenz durch Restricted Devices, d.h. ein Fluss in zwei Richtungen, bei dem die Leute, die Geräte tragen, eher Reporter als nur Verbraucher sind.
- getrieben vom Web Backbone, aber nicht notwendigerweise auf End-to-End-Webprotokollen basierend.
- Nutzung des PCs als lokalen Cache-/Konfigurationsmechanismus, an dem der Service ausgewählt und konfiguriert wird.
JM: Bei Web 2.0 geht es also um die intensivierte Interaktion und Zusammenarbeit. Wie kann die mobile Technologie dazu beitragen?
Jaokar: Wie wir schon gesehen haben, kann man Web 2.0 als das intelligente Web oder die Nutzbarmachung kollektiver Intelligenz bezeichnen. Bei Web 2.0 (und durch die Ausdehnung auch beim mobilen Web 2.0) geht es um User-generierten Inhalt. Der Anstieg des „User-generierten Inhalts“ online, wo die User den Schaffungsprozess des Inhaltes kontrollieren können, schafft eine zweite Welle im Bereich der digitalen Medien. Gepaart mit der wachsenden technischen Kapazität der Mobiltelefone ist dieses Phänomen signifikant. Vom historischen Standpunkt gesehen war das mobile Gerät immer der Mechanismus, um Inhalt im Moment der Inspiration aufzugreifen. Anders als eine Kamera, einen Stimmen-Rekorder oder einen PC haben wir das mobile Gerät immer bei uns. Aber mit Mobile Web 2.0 haben wir zum ersten Mal die Möglichkeit, dem Inhalt Intelligenz hinzuzufügen, die wir im Moment der Inspiration einfangen (via Tags). Tags können sich auch auf einen Ort beziehen (das ist auch eine Form des Tagging).
JM: Sie haben kürzlich eine interessante Ansicht zur Zukunft des mobilen Anwendungsraumes geposted. Ihr Hauptgedanke war, dass Mobile AJAX Java ME ersetzen könnte. Was genau ist der Vorteil von Mobile AJAX und was ist eher nachteilig?
Jaokar: Die Macht von Mobile AJAX liegt in seiner Fähigkeit, Widgets, bessere User Interfaces und Daten-Management-Fähigkeiten zu schaffen. Widgets können auf dem Browser (Desktop) entwickelt werden und auch auf mobilen Geräten (weil immer mehr mobile Geräte den Browser voll unterstützen). Opera und Nokia haben bereits Unterstützung für Mobile AJAX angekündigt, und ich erwarte, dass noch mehr folgen werden. Der Nachteil von Mobile AJAX ist derselbe, den jede Browsing-Anwendung hat, das heißt, die Anwendung muss unter anderem mit dem Web verbunden sein.
JM: Gibt es immer noch Raum für Java ME, und wenn ja, in welchen Anwendungsgebieten?
Jaokar: Ja, ich glaube, dass alle Technologien nebeneinander existieren werden. Und es gibt Raum für Java ME, insbesondere auf dem Gebiet der Spiele. Mein ganzes Argument ist jedoch: Mobile Anwendungen brauchen eine kritische Menge oder ein kritisches Netzwerk, oder einen viralen Effekt (denken Sie mal an "Hotmail"). Java ME kann das nicht zur Verfügung stellen. Um fair zu sein, keine heruntergeladene Anwendungsumgebung kann das so einfach leisten. Um das zu erreichen, braucht man das Web. Grundsätzlich bin ich der Ansicht, dass es bei Mobile um Kommunikation geht und weniger um die Medien. Jede Technologie, die Kommunikation vereinfacht, wird aus meiner Sicht besser. Bisher war Java ME von Nutzen für medientypische Anwendungen (Spiele usw.). Wir brauchen mehr kommunikationstypische Anwendungen. Aber Java ME wird auch weiterhin für Spiele genutzt.
JM: Welche Rolle wird Flash im Bereich des Mobile Web 2.0 spielen?
Jaokar: Genau wie andere Technologien wird es koexistieren.
JM: In Ihrem Buch, OpenGardens, diskutieren Sie, wie mobile Betreiber sich verändern werden, um die Menge an Innovationen im mobilen Bereich zu erhöhen. Wenn Sie einem großen Betreiber einen Aktionsplan vorlegen sollten, was wären dann die Schlüsselaktionen?
Jaokar: Aah, das wäre dann wieder ein eigenes Buch! Ich glaube, dass das Business, ein mobiler Netzwerkbetreiber zu sein, bedroht ist. Heute sehen wir, wie jeder Betreiber bemüht ist, eine konvergierte Strategie zu übernehmen. Ich erwarte, dass in einigen Jahren Betreiber, wie wir sie heute kennen, nicht mehr existieren werden. Trotzdem können wir ihnen keinen Rat mehr geben, es ist zu spät! Das klingt vielleicht radikal - aber das ist es gar nicht, da es um uns herum schon längst passiert. Mein grundsätzlicher Standpunkt wäre es zu erschließen, sich darauf zu konzentrieren, ein exzellentes Netzwerk zu betreiben und die Services Dritten zu überlassen. Auf einem Makro-Ebene geschieht das mit MVNOs. Aber MVNOs sind immer noch zu strukturiert. Wir müssen Innovationen von der Wurzel an fördern.
JM: Wir bedanken uns für das Interview.




