In memoriam Steve
Steve Jobs ist gestorben, ein Titan der IT-Industrie. Eine faszinierende Zeitreise ist es, wenn man die vielen Nachrufe, die kurz nach seinem Ableben erschienen sind, durchblättert. Dieser Mann, der mit dem iPhone und dem iPad noch die jüngsten Megatrends definiert hat, sitzt da auf manchen Fotos neben einem klobigen Stück Elektronik, montiert auf eine Holzplatte, dem Apple I. Steve Jobs ist von Anfang an bei der Popularisierung der IT mit dabei gewesen.
Immerhin hat Steve mit seinem Unternehmen dabei geholfen aus der IT etwas zu machen, das nicht mehr mit Disziplinen wie Maschinenbau oder Elektrotechnik vergleichbar ist: IT ist cool geworden, IT ist ein Teil unseres normalen Alltagslebens geworden, selbst wenn man sich nicht zur der Spezies der Nerds und Geeks zählt.
Dass Steve Jobs den Wert von gutem Design erkannte und hoffähig machte, weiß heute fast jedes Kind. Apples Produkte strahlen eine Klarheit und Einfachheit aus, die wir in unseren eigenen IT-Systemen allzu häufig vermissen. Unser Geschäftsleben ist geprägt von Kompromissen, die im Spannungsfeld zwischen Entwicklung, Betrieb, Management, Timelines, Legacy-Systemen und vielen anderen Faktoren täglich geschlossen werden müssen. Und man sieht es ihnen häufig auch an. Anders bei Apple: gute Produkte eben.
Mit dem Erfolg verändern sich allerdings die Dinge, wie so häufig. War es nicht Microsoft, das den Computer aus der Welt der millionenschweren Großrechner befreite und erschwinglich machte? War es nicht Google, das das freie Internet, wie wir es lieben, zugänglich machte und als dessen Anwalt – Don‘t do Evil – aufgetreten ist? War es nicht die wackere Firma Apple, die stets die besseren Rechner machte, deren Genie aber vom Mainstream verkannt wurde?
Wenn sie einmal groß sind, zeigen die Firmen nicht selten ihr hässliches Gesicht, und wir haben sie auf einmal nicht mehr lieb. Ach ja, ein neuer Kandidat im Reigen der „früher mal sympathischen Unternehmen“ steht schon wieder bereit: Amazon.
Der von manchen immer noch als Buchhändler titulierte Mega-IT-Konzern ist gerade dabei, zur Nummer 1 beim weltweiten Cloud Computing zu werden. Dazu baut das Unternehmen seine über den Globus verteilten Rechenzentren so massiv aus, dass täglich genau so viele neue Rechner hinzu kommen, wie das Unternehmen im Jahre 2000, als es immerhin schon 2,7 Milliarden Umsatz verzeichnete, insgesamt betrieben hat. Jeden Tag. Dies erläuterte ein Amazon-Sprecher neulich auf unserer WebTech Conference.
Die Datenspeicher von Amazon, aber auch von Google, Microsoft und wenigen anderen, werden bald an jeder Ecke der Welt erreichbar sein – und wir werden sie nutzen. Und zwar zu deren Bedingungen, privat und geschäftlich. Kundendaten, Familienfotos, Musiksammlungen, das alles werden wir mehr und mehr „der Cloud“ anvertrauen, weil es so bequem ist und weil es ja auch tatsächlich besser funktioniert als meine Billigfestplatte daheim oder der Server im Unternehmen.
Wir werden uns mehr und mehr daran gewöhnen müssen, dass es nicht Staaten und Verfassungen sind, die unseren Alltag prägen, sondern Geschäftsbedingungen der ganz großen IT. Welch geringen Einfluss die Nationalstaaten und deren Vertreter noch ausüben, sehen wir eindrucksvoll an der Hilflosigkeit der europäischen Politik angesichts der andauernden Schulden- und Währungskrise (deren Permanenz das Problem ja erst wirklich gravierend macht).
Womit wir wieder bei Steve Jobs wären. Steve hat unseren Alltag tatsächlich nachhaltig verändert, wie dies von fast allen Medien beschrieben wurde, aber er hat eben auch unser Leben einen Schritt näher in die Sphäre der Kontrolle globaler IT-Unternehmen verschoben.
Die IT ist damit in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Kein Wunder also, dass sich eine Bewegung wie die Piratenpartei, die sich ja primär über ihre IT- und Internetkompetenz definiert, über großen Zulauf freuen kann. Der Chaos Computer Club genoss bei der kürzlichen Aufdeckung des so genannten Staatstrojaners auch in der bürgerlichen Presse – vor allem der F.A.Z. – größeres Vertrauen als Staatssekretäre und Minister. Es verändert sich was, und wir sollten aufmerksam sein.
In diesem Sinne viel Spaß bei der Lektüre des Heftes
Sebastian Meyen, Chefredakteur
Twitter: @smeyen