Open Source in der Krise?
Wer auf Eclipse setzt, muss sich immer auch mit dem Phänomen Open Source auseinander setzen – besonders, wenn man Eclipse nicht nur als passiver User verwendet, sondern strategisch in seine Geschäftsaktivitäten einbindet. Um zu verdeutlichen, was dies für ein Unternehmen bedeuten kann, bemüht die Eclipse Foundation gerne ihr „Open Source Maturity Model“ (u. a. Thema der Keynote des Eclipse Summit Europe 2009 von Tony Bailetti: www.eclipsecon.org/summiteurope2009/sessions?id=1045). Das Modell sagt, knapp zusammengefasst, dass sich Open-Source-Akteure im Hinblick auf ihren Reifegrad klassifizieren lassen. Stehen auf der einen Seite der Skala die bloßen Open-Source-Verweigerer sowie allenfalls die passiven Open-Source-Konsumenten, finden sich am anderen Ende solche Player, die Open Source aktiv als ihre zentrale Geschäftsstrategie begreifen.
Wenn ich indes beginne, in ein Open-Source-Projekt zu investieren, dann erwarte ich mir zu irgendeinem Zeitpunkt einen Return on Invest. Entweder verspreche ich mir, Support- oder Entwicklungsdienstleistungen zu verkaufen, wenn nur genügend Anwender meine Software einsetzen, oder aber ich erwarte schlicht Kosteneinsparungen, wenn ich ein kritisches Stück Software gemeinsam mit anderen Partnern entwickle.
Um diese Effekte erzielen zu können, müssen allerdings stets mehrere Unternehmen „mitziehen“. Eine Open-Source-Strategie funktioniert per Definition nicht im Einzelkämpfer-Modus. Und damit jedes dieser Unternehmen, die auf die Open-Source-Karte setzen, seinerseits ein Open-Source-affines Umfeld erhält, müssen wiederum mehr Unternehmen „mitziehen“, damit am Ende die Rechnung aufgeht. Es scheint, dass das System der Open Source Maturity auf einem kontinuierlichen Wachstum basiert.
Was aber, wenn das Wachstum stagniert? Wenn also die Anzahl der überzeugten Open-Source-Player überschaubar bliebe? Dann stehen solchen Unternehmen, die sich von ihrem Open-Source-Einsatz einen Return on Invest versprechen, eine wachsende Anzahl passiver Open Source Consumer gegenüber. Wenn diese sich weiter fröhlich der Produkte der Open-Source-Aktivisten bedienen, selbst aber keinen Anlass sehen, irgendeine Gegenleistung zu liefern, dann geht das Geschäftsmodell der Open-Source-Unternehmen nicht mehr auf.
Eclipse hat einen phantastischen technischen Reifegrad erreicht, es verfügt über eine phänomenale weltweite Verbreitung – da sieht sich so mancher Großkonzern nicht dazu motiviert, für die Software, die er möglicherweise zigtausendfach verwendet, auch nur einen Cent zu bezahlen. Und in der Tat häufen sich die Berichte solcher Unternehmen, die keine Motivation darin sehen, eine Gegenleistung zu erbringen. Warum auch? Mit moralischen Appellen kommt man da nicht weiter – man hat es immerhin mit Managern zu tun, die nüchtern nach dem Mehrwert einer Mitgliedschaft, von Code-Contributions, von der Abstellung von Vollzeit-Committern fragen.
Auch aus dem Lager der Open-Source-Aktivisten lassen sich zunehmend Klagen vernehmen, dass die Technologie, die sie entwickeln, zwar geschätzt werde und auch massenhaft zum Einsatz komme, dass aber die erhofften geschäftlichen Effekte, nämlich der Einkauf von Dienstleistungen beim Urheber der Software, ausblieben. „Lange können wir es uns nicht mehr leisten, bei unserem Open-Source-Projekt ins Blaue zu investieren“, sagte ein Geschäftsführer einer Open-Source-Firma neulich.
In dieser Situation befinden wir uns also derzeit. Statt auf den unbeschwerten Zukunftsoptimismus aus Eclipse-Pionierzeiten trifft man heute auf eine nüchterne, etwas saturierte Sichtweise und auf eine gewisse Ratlosigkeit gegenüber der Frage, warum die vermuteten Automatismen eines unbegrenzten Open-Source-Wachstums ausgeblieben sind.
Und vor diesem Hintergund vollziehen sich auch die mitunter hitzig geführten Debatten darüber, wie der Wert einer Mitgliedschaft bei der Eclipse Foundation gesteigert werden könnte. Dass hierbei die Nerven bei einigen blank liegen, hat sich in der Auseinandersetzung zwischen „Querulant“ Bjorn Freeman-Benson und Mike Milinkovich gezeigt. Darauf, dass man bei der Eclipse Foundation aber durchaus gewillt ist, der Stagnation entgegen zu wirken, weisen die jüngst verabschiedeten neuen Membership-Programme, etwa die Senkung des Mitgliedsbeitrags für kleine Unternehmen von 5000 US-Dollar auf 1500 US-Dollar.
Ein spannendes Jahr 2010 steht uns bevor, in dem diese drängenden Fragen eine Antwort finden müssen. Die Diskussionen werden weiter gehen, geeignete Maßnahmen hoffentlich ergriffen. Auch Ihre Meinung interessiert uns – diskutieren Sie doch einfach mit!
Sebastian Meyen (Chefredakteur),
Hartmut Schlosser (Redakteur)
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