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April 2010 | Artikel

Singletasking

(Link zum Artikel: http://www.it-republik.de/jaxenter/artikel/2985)

Perspektivenwechsel - eine agile Kolumne

Text: Arne Roock
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Bob und Jens, zwei alte Freunde, treffen sich in ihrer Stammkneipe.
Jens: Ich wünschte, ich wäre eine Frau!
Bob: Aha?!?
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Naja, nicht so richtig. Aber man sagt doch immer, dass die Frauen uns Männern beim Multitasking haushoch überlegen sind. Und gestern habe ich es wieder selbst erlebt: Meine Frau saß am Rechner und hat ihren Unterricht für den nächsten Tag vorbereitet. Gleichzeitig lief im Hintergrund der Fernseher, und sie hat die ganze Handlung mitbekommen. Und als dann das Telefon klingelte, hat sie sich einfach den Hörer geschnappt und nebenbei auch noch telefoniert. Ich hingegen war schon überfordert, als ich beim Kochen zwei Herdplatten gleichzeitig domptieren musste.

Ja, das ist beeindruckend.

Kann man Multitasking eigentlich lernen? Gibt es dafür Kurse? Stell dir mal vor, wie effizient man bei der Arbeit sein könnte, wenn man seine vielen parallelen Projekte besser im Griff hätte!

Hm. Vielleicht geht das aber auch in die falsche Richtung, und wir sollten stattdessen lieber ganz auf Multitasking verzichten.

Hä?

Unterm Strich wirkt es sich eigentlich immer negativ aus.

Wieso denn das?

Zuerst einmal kosten Kontextwechsel ja bekanntlich sehr viel Zeit und Energie. Das weiß jeder, der schon einmal an einer anspruchsvollen Aufgabe saß, dabei unterbrochen wurde und sich danach wieder in die Aufgabe eindenken musste.

Jens. Ja klar, das ist bekannt. Aber darum geht es doch gar nicht. Ich arbeite zum Beispiel gerade in einem Projekt, in dem wir eine große Webanwendung bauen. Da kann ich regelmäßig nicht weiterarbeiten, weil ich auf die Zuarbeit der Webdesigner angewiesen bin. Ich kann natürlich nicht einfach rumsitzen. Deshalb arbeite ich parallel noch in einem zweiten Projekt – und manchmal auch in einem dritten.

Und das ist noch nicht einmal viel. Ich treffe öfters Leute, die in mehr als 5 Projekten gleichzeitig arbeiten. Aber selbst 3 Projekte sind eindeutig zu viel – optimal ist ein einziges.

Das kann nicht sein! Wenn ich nur in einem einzigen Projekt arbeiten würde, wäre ich im Schnitt höchstes zu 80 % ausgelastet – das erklär mal meinem Chef!

Genau da liegt das Problem: In der Regel sehen wir (und vor allem unsere Chefs) auf die Auslastung einzelner Kollegen oder Abteilungen und versuchen, diese zu maximieren. Dabei übersehen wir, welche Folgen das auf Projektebene hat.

Aber wenn jeder Einzelne voll ausgelastet ist, dann arbeitet doch auch das ganze Projekt sehr effizient!

Eben nicht! Betrachten wir deinen Fall einmal etwas genauer: Nehmen wir an, dass der positive Effekt, den du durch eine höhere Auslastung durch die Arbeit in mehreren Projekten erreichst, nicht wieder durch die vielen Kontextwechsel aufgefressen wird – was ich kaum glaube. Man darf auch den erhöhten Kommunikationsaufwand nicht vergessen, den man durch die Zusammenarbeit mit vielen Kollegen zwangsläufig hat. Das eigentliche Problem liegt aber darin, dass alle Projekte viel später abgeschlossen werden.

Fällt das denn wirklich ins Gewicht?

Und ob! Du hast gesagt, dass du in deinem ersten Projekt etwa zu 80 % ausgelastet bist. Vermutlich wirst du aber in deinem zweiten und dritten Projekt nicht nur 20 % deiner Zeit arbeiten. Denn dafür würde sich eine Einarbeitung kaum lohnen.

Stimmt. Ich arbeite eigentlich in allen drei Projekten gleich viel.

Lass uns doch einmal aufmalen, was das für Folgen hat.

Bob nimmt sich einen Zettel und einen Kuli und malt eine Grafik

In der rein sequenziellen Variante braucht Projekt A zehn Wochen bis zur Fertigstellung, in der parallelen Variante sind es 23 Wochen.

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Kommentare

Gravatar Sam 09.04.2010
um 10:34 Uhr
Hallo,

sehe ich als Projektleiter auch so, dass Kontextwechsel sehr viel Zeit benötigen und meine Teammitglieder und auch ich selber nur in einem Projekt tätig sind.

Das mag wohl bei internen Projekten oder bei der Entwicklung von Produkten funktionieren. Als Softwaredienstleister, bei dem nur die produktiven Stunden gegenüber dem Kunden abgerechnet werden können, ist es meinem Chef allerdings nicht egal, ob nun ein Mitarbeiter 20% seiner Zeit nicht abgerechnet werden kann, auch wenn dadurch ein Projekt etwas später fertig wird. Dagegen gibt es leider wenig Argumente.
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Gravatar RPR 09.04.2010
um 22:23 Uhr
>> ist es meinem Chef allerdings nicht egal, ob nun ein Mitarbeiter 20% seiner Zeit nicht abgerechnet werden kann, auch wenn dadurch ein Projekt etwas später fertig wird

Ein Grund mehr, Externe nicht im "Paket" zu kaufen sondern nur einzelne Spezialisten für begrenzte Zeiträume und Aufgaben hinzuzuziehen. (Ich weiß, dass viele Firmen das anders machen, aber das heißt nicht, dass diese Praxis gut ist oder sich gar "rentiert".)
#zitieren
Gravatar Stefan Roock 13.04.2010
um 12:44 Uhr
>Als Softwaredienstleister, bei dem nur die produktiven Stunden gegenüber
>dem Kunden abgerechnet werden können, ist es meinem Chef allerdings
>nicht egal, ob nun ein Mitarbeiter 20% seiner Zeit nicht abgerechnet
>werden kann,
Es spricht dafür, dass der Auftraggeber nur Fulltime-Leute einkauft.
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Gravatar Markus A 14.04.2010
um 00:08 Uhr
Hallo Arne,

ich glaube das in der generellen Form nicht. Die Frage ist jeweils ob Kontextwechesel mehr schadet als nützt. Meistens geht es beim Nutzen um Kosten in unserer welt :-(

Nicht den Kontext zu wechseln bedeutet also evtl. eine Chance auzulassen. Hier muss eben jeweils untersucht werden ob die Rüstzeiten und damit Kosten des Kontextwechsels höher sind als die Cost of Delay oder die Kosten des vollkommenen Auslassen einer Möglichkeit.

Generell liegt das Optimum eher in einem Band als in den Extremen des Spektrums von gar kein Multitasking bis hochparalleles Multitasking.

Und dann noch: Was ist die Einheit von MultiX? Viele Projekte? Viele Businesses? Viele Epics? Viele user Stories? Im extremen viele Taks vs. eine Task? Und dann in welcher Organisationseinheit? Eine Firma? Ein Team? Ein Mitarbeiter? Im Extrem also eine Task pro Mitarbeiter? Team? Firma?

Ich fide es gut, das Bewusstsein auf die Kosten von Multitasking zu lenken, finde aber dass muss sehr differenziert betrachtet werden.

Einfach zu sagen jedes Multitasking sei schlecht scheint mir ähnlich riskant wie das kontextlose Einfordern zu Auflösung von Disziplinen als primäres Mittel zum Beheben von Bottlenecks aller Art.

Das andere Extrem vertritt gerade Jurgen Appelo ;-) http://www.noop.nl/2010/04/in-praise-of-multi-tasking.html

Viele Grüße

Markus
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Gravatar Arne 21.04.2010
um 16:55 Uhr
Hallo Markus,

wie man so schön sagt: In der Übertreibung liegt die Anschauung! In guter alter Berater-Manier kann man auch hier sagen "It depends" - und hat immer Recht damit:-)

Aber meiner Erfahrung nach macht man sich keine Vorstellung davon, welche Kosten Multitasking wirklich verursacht. Und das gilt sowohl bei großen Projekten als auch bei persönlichen, kleinen Aufgaben. Ich merke das z.B. schon, wenn ich mehrere Mails parallel bearbeiten will, weil ich denke, das lässt sich dann rationeller machen.

Die Kernaussage hinter dem Artikel lautet also: "Multitasking kostet mehr als Ihr denkt. Macht euch diese Kosten bewusst, bevor ihr euch dafür entscheidet!" Das kommt so klar im Artikel wohl nicht rüber:-(

Gruß,
Arne
#zitieren

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