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Juli 2010 | Artikel

Knigge für Softwarearchitekten Fortsetzung, Teil 2

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Erstes Muster: der Proaktive

Verantwortungsbewusste Softwarearchitekten gehen aktiv auf alle Projektbeteiligten zu, um Chancen und Risiken rechtzeitig zu erkennen und geeignete Maßnahmen einleiten zu können.

Sie übernehmen die Initiative und starten notwendige Aktivitäten aus eigenem Antrieb und ohne explizite Aufforderung. Anstatt passiv oder reaktiv abzuwarten, bis jemand anderes mit einer ungelösten Aufgabe zu ihnen kommt, gehen Aktive diese Aufgaben selbstständig an. In diesem Sinne ähnelt proaktives Verhalten dem erfolgreicher Unternehmer: Stets auf der Suche nach passenden, erfolgversprechenden Betätigungen. Den negativen Gegenpol bezeichnen wir als Unterlasser oder reaktiv: Diese Menschen warten, bis ihnen jemand eine Aufgabe gibt. Reaktive werden erst nach Aufforderung tätig.

Sicherlich kommt proaktives Herangehen vielen Menschen und Rollen zugute. Innerhalb von IT-Projekten sehen wir bei Softwarearchitekten dazu jedoch besondere Veranlassung. Sehen wir uns dazu einige Beispiele für proaktives Vorgehen an.

Verbesserungsmöglichkeiten suchen

Softwarearchitekten suchen ständig aktiv und an allen Ihnen zugänglichen Stellen nach Verbesserungsmöglichkeiten – ohne explizite Aufforderung von außen. Sie schauen dabei deutlich über den Tellerrand ihres eigenen Arbeitsbereichs hinaus. Konkret übernehmen Softwarearchitekten proaktiv Aufgaben in Anforderungsanalyse und -management, im Build- und Testmanagement sowie im Risikomanagement. Manchmal kompensieren sie Schwächen im Projektmanagement oder unternehmen Ausflüge in die Chefetagen, um den Managern die technische Lösung zu erklären. Als verantwortungsbewusster Softwarearchitekt müssen Sie (wiederum selbstständig und proaktiv) entscheiden, wann solche Ausflüge angemessen und notwendig sind, damit sie von Ihren Mitmenschen nicht als Einmischung empfunden werden (ja, die schwierige Sache mit den Softskills. Die erwähnen wir in dieser Kolumne noch öfter.)

Annahmen und Voraussetzungen klären

Softwarearchitekten klären proaktiv jegliche (ansonsten versteckte oder implizite) Annahmen oder Voraussetzungen auf, sodass Entwurf und Implementierung der technischen Lösung auf Tatsachen beruht, nicht nur auf Vermutungen und Mutmaßungen.

Auf andere zugehen

Proaktive Softwarearchitekten suchen von sich aus den regelmäßigen Kontakt zu anderen Stakeholdern im Projekt. Nicht, weil sie gerne grünen Tee trinken und mit den anderen die Chanoyu zelebrieren, sondern weil sie (richtig, aktiv!) Rückmeldung einholen und geben wollen. Genau das Gegenteil von "abwarten und Tee trinken": Initiativ Eindrücke und Meinungen der Anderen erfragen, nach Hindernissen, erkannten Problemen oder Risiken suchen. Gerne dürfen sie sich auch loben lassen. Hierdurch können Softwarearchitekten eine Menge über ihre Lösungsansätze und deren Auswirkung auf die Projektrealität lernen. Gleichzeitig erhalten sie damit die Möglichkeit, ihre eigene Meinung zu Arbeitsergebnissen, Entscheidungen oder sonstigen Dingen im Projekt zu kommunizieren.

Aufgaben selbst bestimmen

Softwarearchitekten suchen proaktiv nach dem jeweils effektivsten (d. h. im Sinne der Zielerreichung optimalen) Einsatz der eigenen Zeit: Ob sie gerade Code schreiben, refaktorisieren oder testen sollen, ob sie Schnittstellen definieren oder Anforderungen klären sollen, ob sie Mitarbeiter coachen sollen oder ob die Dokumentation ein Update vertragen kann – das entscheiden sie proaktiv, ohne dass Projektleiter das erst vorgeben müssen.

Proaktiv ist die Ausnahme

Falls Sie glauben, diese aktive Einstellung sei eine Selbstverständlichkeit, dann willkommen in Phantasia: Proaktives Handeln, ja selbst proaktives Denken, erleben wir in unserer Praxis eher als die Ausnahme denn als Regel. Es bedarf nämlich einer gehörigen Portion Mut und Courage, um sich über etablierte Konventionen hinwegzusetzen und sich um Dinge zu kümmern, die einen angeblich nichts angehen, die aber für den Erfolg von Projekten immens wichtig sind. Im schlimmsten Fall kann es passieren, dass Ihre Vorgesetzten Proaktivität als Einmischung verstehen und Sie als vorwitziges und übertriebenes Verhalten ablehnen.

Wir möchten Sie zumindest verbal bei diesem Mut zur Aktion unterstützen: Langfristig wird sich für Sie aktives Herangehen an andere Projektbeteiligten, aktives Suchen nach Verbesserung und aktives Infragestellen zweifelhafter Konventionen lohnen – in Form höherer Zufriedenheit, besserer Projektergebnisse und dankbarer KollegInnen. Und dafür lohnt sich der Einsatz!

Peter Hruschka und Gernot Starke haben vor einigen Jahren www.arc42.de ins Leben gerufen, das freie Portal für Softwarearchitekten. Sie sind Gründungsmitglieder des International Software Architecture Qualification Board (www.iSAQB.org) sowie Autoren mehrerer Bücher rund um Software-Architektur, Softwareentwurf und Entwicklungsprozesse. Mehr finden Sie unter http://www.systemsguild.com (Peter) und www.gernotstarke.de (Gernot).
  1. Wikipedia zu "Umgangsformen"
  2. Chanoyu oder Cha-No-Yu, das japanische Teeritual

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