Jens: Hi Bob! Wie siehst du denn aus? Du bist ja total durchnässt.
Bob: Hallo Jens! Das ist Schweiß. Ich komme gerade vom Karatetraining und hatte keine Zeit mehr zum Duschen.
Jens (rümpft die Nase und rückt etwas von Bob weg): Äh, ach so. Naja, so sehr hättest du dich dann ja auch wieder nicht beeilen müssen, um pünktlich zu kommen.
Bob (grinst): Du legst doch immer so viel Wert darauf, dass sich niemand verspätet.
Schon gut. Aber was habt ihr denn gemacht, dass du so sehr geschwitzt hast? Bretter durchgeschlagen? Autos poliert? Oder wieder Fliegen mit Essstäbchen gefangen?
Sehr witzig! Nein, wir haben Kata geübt. Heute war Gangaku dran – das bedeutet "Kranich auf dem Felsen". Eine sehr schöne Kata. Da steht man auf einem Bein, und dann...
Moment, ganz langsam. Was ist denn ein Kata?
Eine Kata ist ein stark formalisierter und stilisierter Kampf gegen mehrere imaginäre Gegner. Da ist genau festgelegt, wann man welche Technik machen muss, in welche Richtung man sich zu bewegwn und welchen Stand man einzunehmen hat. Sogar die Form der Atmung und der Körperspannung ist geregelt – mal atmet man gleichmäßig aus und steigert die Körperspannung kontinuierlich an, mal atmet man explosionsartig aus und spannt alle Muskeln gleichzeitig an, und zwei Mal in jeder Kata macht man einen Kiai, das ist ein Kampfschrei.
Und wozu soll das gut sein? Wenn mich jemand auf der Straße angreift, weiß ich doch vorher auch nicht, wie genau der jetzt zuschlägt.
Das stimmt. Kata hat auch zuerst einmal sehr wenig mit Selbstverteidigung zu tun. Es geht darum, wichtige Grundprinzipien des Karate zu lernen: Spannung und Entspannung, die richtige Atmung, einen festen Stand, den korrekten Abstand zum Gegner, Wachsamkeit – und natürlich die korrekte Ausführung von Schlag- und Tritttechniken. Wenn man diese Prinzipien verinnerlicht hat, dann helfen sie einem auch bei der Selbstverteidigung.
Aha, das hört sich logisch an. Aber warum braucht man dafür eine genau festgelegte Form? Reicht es nicht, die Techniken einfach isoliert zu üben? Im Vorgehen oder einfach im Stand?
Das machen wir auch – nennt sich dann Kihon. Aber Kata ist anders. Jede Kata hat einen ganz eigenen Charakter. In jeder Kata werden ganz spezielle Aspekte des Karate geübt. Außerdem macht es Spaß, so eine Kata zu üben, die sind nämlich teilweise schon sehr alt. Katas werden auch auf Wettkämpfen und bei Gurtprüfungen vorgeführt. Weil die Bewegungsabläufe genau festgelegt sind, kann man dadurch unterschiedliche Karateka sehr gut vergleichen. Als fortgeschrittener Schüler macht man sich dann übrigens daran, diese festen Formen wieder etwas aufzulösen und verschiedene Anwendungen auszuprobieren. Das nennt man dann Bunkai.
Moment mal. Wie viele Katas gibt es denn? Das müssen doch hunderte sein, wenn man die jahrelang übt?!
27.
Du meinst 270?
Nein, im Shotokan-Karate gibt es tatsächlich nur 27 Katas. Und während der ersten acht bis zehn Jahre seiner Karatelaufbahn lernt man nicht mehr als etwa zehn davon.
Im Ernst? Das hört sich ja total öde an.
Das ist ja gerade der Witz: Man soll die Bewegungsabläufe immer und immer wieder üben. Irgendwann sind sie in Fleisch und Blut übergegangen, und man kann sie ausführen, ohne nachzudenken. Dann kann man sich daran machen, die Feinheiten zu üben und verschiedene Variationen auszuprobieren. Aber das Streben nach Perfektion geht nie zu Ende. Auch ein großer Karatemeister wird niemals behaupten, er würde eine Kata wirklich beherrschen. Zum Beispiel hat Gichin Funakoshin mal gesagt...Hallo? Jens? Hörst du mir noch zu? Du siehst so abwesend aus.
Ich überlege gerade, ob sich diese Konzepte nicht auch auf die Softwareentwicklung übertragen lassen. „Coding-Katas“ so zu sagen.
Hört sich absurd an. Wo sollen denn da die Gemeinsamkeiten liegen?
So wie beim Karate spielen beim Programmieren unterschiedliche Techniken zusammen. Das geht damit los, dass man seine Werkzeuge beherrschen muss, allen voran die IDE, geht weiter über so etwas wie testgetriebene Entwicklung bis dahin, dass man die Gesamtarchitektur nach SOLIDen Prinzipien schrittweise entwickelt.
Und diese Dinge üben Softwareentwickler auch alle regelmäßig?
Nun, ja.
Ach deswegen stürzt mir mein Rechner ständig...
Jetzt fang nicht wieder damit an! Tatsächlich üben wir diese ganzen Dinge vor allem während der normalen Arbeit, man wendet sie ständig an und wird damit besser. Aber dabei nimmt man sich ganz selten die Zeit, auch mal darüber zu reflektieren, was man noch wie verbessern kann. Da kam mir gerade die Idee mit den Coding-Katas.
Und Softwareentwicklung ist ein Kampf gegen einen Gegner?
Nun, gewissermaßen schon. Man programmiert ja nicht ziellos vor sich hin, sondern es gilt, gewisse Probleme zu knacken. Und diese Aufgabe kann man sich als Gegner vorstellen, den es niederzuringen gilt.
Aber einen Gegner niederringen, ist ein Kampf, keine Kata.
Genau, da kommt jetzt der Clou: Softwareentwickler lösen auch mal „einfach so“ Aufgaben, um etwas auszuprobieren. Das ist keine Coding-Kata. Bei der Coding-Kata soll es darum gehen, eine Programmieraufgabe noch mal und noch mal und noch mal zu lösen. Das Lösen der Aufgabe ist dabei nur das Mittel, um einen Programmierweg wiederholt zu beschreiten und dabei das Zusammenspiel der Techniken beim Programmieren einzuüben und zu verinnerlichen.
Gut, das klingt jetzt schon mehr nach den Katas, die ich kenne. Aber woher hast du bei einer Coding-Kata die festgelegten Bewegungsabläufe, nach denen du vorgehst?




