PDC 09 – Azure geht an den Start, doch wo bleibt .NET?
Auf der PDC 09, die Mitte November beinahe schon traditionell im modernen Convention Center in Los Angeles (USA) stattfand, startete Microsoft mit Windows Azure in eine neue Ära. Am 1.1.2010 geht der mit einem Jahr relativ kurze Testbetrieb von „Äscharr“ zu Ende und Azure 1.0 offiziell an den Start. Die schon lange angekündigte Software-plus-Services-Strategie wird damit Realität. Gigantische DataCenter, alleine das bereits in Chicago(USA) in Betrieb genommene Gebäude von der Größe eines Möbelhauses kann bis zu 200 000 Server(!) aufnehmen, werden in Zukunft nicht nur Exchange, SharePoint und andere Microsoft-Server, sondern beliebige Anwendungen hosten und dabei eine beliebige Skalierbarkeit bieten, die nach dem „Pay per use“-Prinzip abgerechnet wird. Bemerkenswert ist, dass Microsoft Azure keineswegs als .NET-Plattform betrachtet. Microsoft orientiert sich bei der neuen Plattform offenbar an dem Motto des Hard Rock Cafés: „Love all, serve all“. Es ist sicher kein Zufall, dass in der Keynote am ersten Tag mit WordPress eine große PHP-Anwendung vorgeführt wurde, die unter Azure unter Apache und nicht dem IIS läuft, und mit Cheezburger.com ein Netzwerk von 40 populären Humor-Blogs (!), die ebenfalls auf der WordPress-Plattform laufen und das neue Azure-DBMS SQL Azure benutzen.
Auch der Umstand, dass Codeguru Don Box („Peeedeeezieeh“) in seiner wie immer kurzweiligen Demo während der Keynote des ersten Tages seinen Partner Chris Anderson ein C++-Programm einhacken lies, das anschließend mit Visual Studio die Wolke „deployt“ wurde, spricht für eine Abkehr von der bisherigen Aussage, dass alle Welt für .NET entwickeln solle. Selbst Windows 7, das ausführlich den ersten Teil der Keynote des zweiten Tages ausfüllte (ohne dass dabei auch nur ein neues Detail angekündigt wurde), hat mit .NET bekanntlich nicht allzu viel zu tun. Seine Präsenz diente eventuell dazu der Entwickleröffentlichkeit zu signalisieren, dass Microsoft trotz aller Cloud-Aktivitäten eine Windows-Company bleibt und Windows 7 auch die nächsten Jahre Umsatzträger Nr. 1.
Überhaupt war die PDC 09 eine an bedeutenden Ankündigungen sparsame Konferenz. Dass die Azure-Plattform offiziell werden würde, war genauso wenig eine echte Überraschung, wie die Ankündigung von Silverlight 4 am zweiten Tag der Konferenz (kurios war, dass diese Ankündigung bis zur letzten Minute geheim gehalten wurde, sodass unmittelbar nach der Ankündigung auf wundersame Weise einige Silverlight-Sessions ihren Titel änderten). Das war es dann schon mit den „Big Announcements“ auf der PDC 09. Kein Wort zu einem möglichen Nachfolger von .NET 4, Visual Studio 2010 oder gar Windows 7 (es gab lediglich eine Session mit dem vielversprechenden Titel „Evolving ADO. NET Entity Framework in .NET 4 and beyond“). Erstaunlich wenig Worte gab es zur Modellierungsplattform Oslo (sieht man von dem Umstand ab, dass aus dem „Oslo Repository“ die „SQL Server Modeling Services“ wurden). Modellierung ist die Zukunft, nur wann sie Realität werden, wird ist noch offen.
Die wichtigsten Ankündigungen waren wieder einmal erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Im Rahmen der neuen „3 Screen and a Cloud“-Strategie will Microsoft in Zukunft Entwicklern die Möglichkeit bieten, mit ihren Anwendungen den klassischen Desktop, Home-Entertainment-Geräte und mobile Geräte gleichermaßen adressieren zu können. Entwickelt werden sollen diese Anwendungen nicht etwa mit WPF, sondern mit Silverlight, das sich immer mehr zu einem „portablen“ .NET-Framework-Ersatz entwickelt, und dem bei Microsoft offenbar die (nahe) Zukunft gehört. Da nur wenige Entwickler in naher Zukunft auf den Azure-Zug aufspringen werden, bleibt Silverlight 4 als das große Thema der PDC 09 übrig. Für eine Entwicklerkonferenz mit dieser Bedeutung ist das aber zu wenig.
Peter Monadjemi, freier IT-Journalist